Rauchschwalbe mit Nistmaterial
Rauchschwalbe mit Nistmaterial

Rauch- und Mehlschwalben haben es schwer

Beide Schwalbenarten sind Kulturfolger und somit von menschengemachten Bauten abhängig. Rauchschwalben bauen ihre Nester gern in Ställen oder Hallen, während Mehlschwalben es vorziehen, an Außenmauern unter Dachvorsprüngen ihre Nester anzubringen. Das war früher kein Problem, als es viele Gebäude gab, die aus Holzbalken, rauen Brettern oder offen-porigen Ziegelsteinen gebaut waren oder Scheunen, die immer irgendwo eine Öffnung hatten. Das kommt heute aus verschiedenen Gründen nur noch selten vor.

Einflugverbot und Baustopp

Rauchschwalben wird das Einfliegen in die Ställe verwehrt und glatte Baumaterialien an den Außenwänden unserer Häuser verhindern, dass die Nester der Mehlschwalben an den Wänden halten. Als Folge stürzen die Nester oft ab und die Eier oder Vogeljungen sind dann verloren.

Erschwerend kommt hinzu, dass der Mensch es gerne sauber und ordentlich in seinem Umfeld haben möchte. Das hat zur Folge, dass viele ehemalige Sand- und Feldwege in Schotterpisten, Plattenwege oder Teerstrassen umgewandelt werden. Die Schwalben finden kaum noch geeignetes Nistmaterial. Was ihnen hier bleibt, sind die schlammigen Ufersäume von Kleingewässern.

Heutzutage kann man natürlich Kunstnester kaufen und an Außenwänden und in Ställen/Hallen anbringen. Besser allerdings finde ich, wenn man den Schwalben ihre Arbeit des Nestbauens nicht abnimmt, sondern hilft, indem man ihnen geeignetes Material zur Verfügung stellt. Denn der Nestbau ist ja bei den Tieren genetisch programmiert, ihnen fehlt sonst etwas, was sie zu machen haben …


Das konkrete Nestbau-Problem „meiner“ Schwalben und wie ich dafür eine Lösung gefunden habe

Zwei alte Gebäude hier in meiner Siedlung, die in den letzten Jahren renoviert wurden, sind quasi zu Neubauten geworden und zur Wärmeisolierung entsprechend mit neuen Materialien verkleidet. Das eine Haus trägt nun Bretter mit einer Oberfläche aus Dickschichtlasur, die Giebel des anderen bestehen jetzt aus glatten Schieferplatten. Mir geht es hier hauptsächlich um die Mehlschwalben, die in den letzten 3 Jahren meist erfolglos versucht hatten ihre Nester an den neuen und glatten Materialien zum Halten zu bringen. War dann trotzdem ein Nest fast fertig, wurde es von Feldspatzen besetzt und durch ihr höheres Gewicht zum Absturz gebracht. Einige Mehlschwalben gaben auf und wanderten ab, es kamen im letzten Jahr nur noch ganz wenige zurück.

Der Weg zum Ziel

Ein kurzer Sandweg vor unseren Häusern, auf dem die Schwalben üblicherweise ihre Materialien aus Pfützen holten, gab mir eine erste Erkenntnis: Die Klebkraft des Schlammes, der nur aus feinerem Sand und Staub besteht, reicht offensichtlich nicht aus, da er nur wenig Haftung behält, sobald er abtrocknet. Meine Rauchschwalben behelfen sich, indem sie zu den nahen Gewässerrändern der Kossau fliegen, um dort ihr Nistmaterial zu holen. Die Mehlschwalben trauen sich das nicht, vielleicht weil zu viele Bäume und Äste zu durchfliegen sind, um dahin zu gelangen.

Rauchschwalbe am Flusslauf

Daher beschaffte ich einen großen flachen Blumentopf-Untersetzer, befüllte ihn mit bestem Lehm und legte so eine „Pfütze“ in der Schale an, die ich den Schwalben anbot. Leider hatte ich keinen Erfolg, die Schwalben landeten rund um die künstliche Pfütze, ignorierten aber meine Hilfe. Dann habe ich eine natürliche Pfütze auf dem Weg etwas ausgeräumt und mit Lehm gefüllt, Wasser eingelassen und abgewartet. Tatsächlich kamen die Schwalben, besonders auch die verbliebenen Mehlschwalben und nahmen diese Hilfe dankbar an. Die nur ein paar Zentimeter hohe Kante der großen Schale war eindeutig ein unüberwindbares Hindernis für meine Schwalben.

Parallel dazu waren meine Bemühungen, die Mehlschwalben mit selbstgebauten Kunstnestern an ein anderes Haus zu locken, ebenso erfolglos. Offenbar sind unsere Mehlschwalben hier auf den Meter genau standorttreu …

Jetzt galt es nur noch verhindern, dass mein „Baustoffmarkt“ eintrocknet. Das bedeutet regelmäßig wässern und gelegentlich Lehm nachfüllen. Größter Feind der Pfütze sind Autos, die beim Durchfahren der Pfütze mit den Autoreifen meinen kostbaren Baustoff forttragen.

Erkenntnisse durch genaue Beobachtung

Ich habe gelegentlich im nahen Abstand mein Tarnzelt aufgestellt und mit dem Fotoapparat meine Beobachtungen dokumentiert. Rauchschwalben und Mehlschwalben gehen beim Sammeln von Nistmaterialien unterschiedlich vor:

Rauchschwalben sammeln Halme aller Art, das tun sie entweder woanders oder wenn möglich in naher Umgebung der Pfütze. Die Halme werden dann in den Lehmmatsch eingetunkt, und mit Lehm vermengt. Mit den mit Grashalmen armierten Lehmklümpchen fliegen sie dann zum Nest. Mehlschwalben suchen oft nur reinen Lehm, den sie mit teils vollem Körpereinsatz und Flügelschlag aus dem Boden picken. Sie stoßen ihren Schnabel förmlich mit Schwung in den Lehm. Dabei scheuen sie auch nicht davor zurück, dass ihr Gefieder verschmutzt.

Zu beobachten ist, dass Schwalben generell nur eine ganz bestimmte Konsistenz des Lehmmatsches gebrauchen können, und das testen sie am Rand der Pfütze genau aus. Direkt nebeneinander sieht man deutlich, dass die Mehlschwalbe merklich kleiner und zierlicher ist, im Vergleich zur Rauchschwalbe.

Während die Schwalben fleißig, am liebsten bei Sonnenschein, an der Pfütze landen, kommen nicht selten auch andere trink- oder badefreudige Besucher hinzu und beleben diesen kleinen Flecken zusätzlich durch ihre Anwesenheit. So konnte ich neben allerlei Insekten regelmäßig Haus- und Feldsperlinge, die Bachstelze und einen Stieglitz dort beobachten.

Rauchschwalbe mit NistmaterialAngelegte Pfütze mit LehmSpuren der LehmentnahmeRauchschwalbe mit NistmaterialRauchschwalbe an der LehmpfützeDie Rauchschwalbe ist schwer beladenRauchschwalbe mit LehmRauch- und MehlschwalbeMehlschwalbe mit LehmMehlschwalbe mit prüfenden BlickMehlschwalbe bei der LehmentnahmeMehlschwalbe bei der LehmentnahmeMehlschwalbe mit Lehm im SchnabelMehlschwalbe mit Lehm im SchnabelSchwalben finden hier gutes NistmaterialSchwalben an der LehmpfützeSchwalben an der LehmpfützeLehmnester halten an lackierten BretternLehmnester halten auch an SchieferplattenLehmnester halten auch an Schieferplatten

Ein Wort zu den letzten drei Bildern dieser Galerie

Beim drittletzten Bild sieht man gut, wie das Nest mit dem neuen Baumaterial an den gestrichenen Brettern hält. Das vorletzte Bild zeigt den Giebel bei dem ein Nest später abgefallen war. Der Grund ist am Ende unter „Fazit“ beschrieben. Vor der neuen Brutsaison werde ich dort die alten Nestreste entfernen. Ein Neubau mit richtigem Lehm wird dann besser halten. Das letzte Bild zeigt einen anderen Giebel, wo das neue Nest etwas kleiner angelegt wurde und so direkt auf dem Untergrund sicher haftet.

Tipp:

Guten Lehm, der nicht mit Erde oder Sand verunreinigt ist, muss man suchen. Entweder ergibt sich eine Quelle im Bekanntenkreis, oder man fragt in gewerblichen Kiesgruben nach oder sucht im Bio-Baustoffhandel, dort gibt es Lehmgranulat in Säcken zum Verputzen von Wohnräumen für natürliches Wohnen …

Im Internet gibt es sehr viele Seiten mit künstlich angelegten Matschpfützen. Sonderbarerweise nehmen anderswo Schwalben auch flache Behälter mit Lehm-Matsch an, es gibt Bildmaterial davon im Netz zu sehen.

Fazit:

Ich habe mit meinem „Baustoffmarkt“ erreicht, dass unsere Mehlschwalben nicht abgewandert sind und sich in zwei Fällen auch Bruterfolg einstellte. Mein ausgesuchter Lehm hat eine solche Klebkraft, dass die Nester an glatten Schieferschindeln sowie auch an den lackierten Brettern einer Außenfassade halten. Ein Nest an einem Schiefer-Giebelende war dann doch heruntergefallen und ein Foto von mir belegt warum: Die Mehlschwalben hatten auf Materialresten vom vorletzten Jahr mit der neuen Lehmmischung aufgebaut und dafür reichte die Haftkraft des alten „Fundaments“ nicht aus. An den Färbungen des Materials war das deutlich zu erkennen. Ich freue mich auf den April, wenn die Schwalben wiederkommen und dann werde ich rechtzeitig meinen „Schwalben-Baustoffmarkt“ eröffnen.

16. März 2018 | | Spezial

Die Schönheit der Dinge lebt in der Seele dessen, der sie betrachtet David Hume